Strukturen

Kantor Ludwig Kaiser filetiert die Strukturen von Musik
13.02.2009 / Lokales

Von Tom Thelen

„Felix Mendelssohn Bartholdy im Spiegel der Zeiten" zu betrachten, hat sich Melanchthon-Kantor Ludwig Kaiser vorgenommen. Beim ersten Konzert stand die Form der Sonate im Mittelpunkt einer musik- und geistesgeschichtlichen Annäherung.

Die Rolle des Dialogpartners zur Sonate I. op.65 von 1845 übernahm Ernst Kreneks (1900-91) Sonate von 1941. Im dreigeteilten Konzert stellte der Kantor zunächst beide Stücke vor, ehe er auf der Orgelempore eine halbstündige Einführung gab. Mit musikalischen Beispielen filetierte er die Strukturen der beiden Kompositionen und zeigte so detailliert deren jeweilige ästhetischen Qualitäten. Mendelssohn etwa erschaffe durch seinen kreativen Umgang mit dem ehemals so strengen formalen Gerüst eine „potenzierte Sonate".

Kreneks durchaus drastisch kontrastierende Komposition zeichne besonders eine überraschende Euphorie aus. Prägnant und mit vielen Eckdaten vermittelte Kaiser das unterschiedliche und doch ähnliche Leiden beider Komponisten an den Zeitläuften. Beginnend bei Mendelssohns posthumer Diskreditierung durch das Pamphlet Richard Wagners „Das Judenthum in der Musik", das weitreichende Folgen für dessen Rezeption hatte.

Diese ging so weit, dass die Nazis gar versuchten, dessen populärste Werke zu „ersetzen". Kaiser wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sogar heute bekannte Komponisten wie Carl Orff an derartigen Ausschreibungen teilnahmen. Der Österreicher Krenek galt den Nazis dagegen schon zu Lebzeiten - spätestens seit dessen Oper „Johnny" von 1937 - als Feind, als „Kulturbolschewist", und musste danach in die USA emigrieren. Im dritten Teil führte Kaiser die beiden Sonaten in Gänze auf. Zunächst das einsätzige Stück Kreneks, das dynamisch und effektvoll wirkt, doch voller grübelnder und reflektierender Momente des Innehaltens steckt. Schließlich Mendelssohns Sonate, die bis hin zum jubelnden Finale ganz jener schönen Zuschreibung Robert Schumanns entspricht, der darin „ächt poetische neue Formen" verortet hatte. Langer Applaus in der gut gefüllten Kirche für Kaisers engagierte und virtuose Vermittlung in Wort und Spiel.

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