Kaiser hört sich beim Spielen zu
Münster. Ein unglaublich intensiver Klang, ein endloser Jubel, eine gewaltige Kraft strömt im Fortissimo durch das Gewölbe des Doms – „Gott ist ewig, unermesslich, unwandelbar“. Die Musik von Olivier Messiaen feiert geradezu das Geheimnis der göttlichen Eigenschaften. Deshalb steht die großartige Orgeltoccata auch im Zentrum jener neun „Méditations“, in denen Messiaen über die heilige Dreifaltigkeit meditiert. Ein abendfüllender Zyklus, ein für das Publikum durchaus auch anstrenges Unternehmen.
Doch Ludwig Kaiser, der Interpret an der Domorgel, fesselt die Ohren, gleich vom ersten Moment an, wenn die kühlen, abstrakten Töne den „Vater der Sterne“ charakterisieren. Auch die von Messiaen in Töne übersetzte, eher trockene theologische Sentenz eines Thomas von Aquin („Der Vater und der Sohn lieben durch den Heiligen Geist“) gewinnt in Kaisers Lesart enorme Faszination. Der Konzertorganist aus Bochum kennt „seinen“ Messiaen, keine Frage.
Das wird Takt für Takt spür- und erlebbar. Auch sein Umgang mit dem Raum und seinem riesigen Nachhall ist fabelhaft. Hier hört sich ein Musiker selbst beim Spielen zu, hört in den Raum hinein, reagiert aktuell auf ihn.
Messiaens Dreifaltigkeits-Zyklus von 1969 ist streng konstruiert. Und dennoch verbreitet sich eine stellenweise sehr sinnliche Atmosphäre, quasi ein feiner Weihrauchduft, den der Katholik Messiaen Sonntag für Sonntag bei sich zu Hause in der Pariser Kirche Sainte Trinité (!) in der Nase gehabt hatte. „Gott ist heilig“: geheimnisvolle Klangflächen ziehen herauf, eine geradezu mystische Musik. Und zwischendurch immer wieder einmal Motive des gregorianischen Chorals, prominent etwa im sechsten Satz über Christus als „Licht für die Menschen“. Solche Musik kann süchtig machen. Nicht zu vergessen die zahllosen Vogelstimmen, die selbstverständlich auch in den „Méditations“ eine wichtige Rolle spielen. Ludwig Kaiser fand in der Domorgel ideale Möglichkeiten, das muntere Gezwitscher lebendig werden zu lassen. Hier der marokkanische Bulbul, dort die Singdrossel.
Die gefiederten Himmelsstürmer haben bei Messiaen sogar das letzte Wort. „Ich bin der ich bin“ ist das rasante Finale überschrieben. Das Vorangegangene wird noch einmal zusammengefasst, die Orgel nimmt ihre Kraft zurück. Und dann ruft die Goldammer ein letztes Mal, bevor das Geheimnis der Dreifaltigkeit in der Stille versinkt.
VON CHR. SCHULTE IM WALDE - Westfälische Nachrichten