Mit ernster Sorgfalt

Mit ernster Sorgfalt Verzeihung erlangen

Gedenken an den Zweiten Weltkrieg. Heiner
Stadelmann rezitiert Texte verfolgter Autoren


Mit dem Überfall auf Polen brach am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg aus. Ein Gedenkkonzert "Für den Tag des Friedens", das im Rahmen des Kulturraums in der Melanchthonkirche stattfand, widmete sich ganz diesem Anlass. Dabei machten die musikalischen Orgelbeiträge von Kantor Ludwig Kaiser nur einen Teil des sensibel gestalteten Abends aus. Dazwischen sollten sorgfältig ausgewählte Texte immer wieder für nachdenkliche Momente sorgen. Heiner Stadelmann, vielen noch bekannt aus Bochumer Schauspielhauszeiten, rezitierte zumeist Romanauszüge von Autoren, die selbst vom Naziregime verfolgt wurden: Imre Kertész, Anna Seghers, Lion Feuchtwanger. Beeindrucken und erschüttern zugleich konnten vor allem die ungeschminkten Schilderungen von Nobelpreisträger Imre Kertész, der in dem bedeutenden "Roman eines Schicksalslosen" seine eigenen Erfahrungen
im Konzentrationslager verarbeitet hat.

Auf faszinierende Weise näherte sich auch Ludwig Kaiser dem Thema Kriegsausbruch mit zum Teil ganz unterschiedlichen Orgelwerken. Auf der einen Seite Bachs Choräle "Aus tiefer Not schrei ich zu dir" und "An Wasserflüssen Babylons". Auf der anderen Seite die radikalen Klänge eines György Ligeti, dessen erste Etüde "Harmonies" Kaiser ebenso wirkungsvoll interpretierte wie seine eigene Komposition "Durch Gassen und durch Straßen" nach einem Gedicht von Else Lasker-Schüler. Eine wichtige Botschaft vermittelte dann noch das abschließende "Ecce tempus idoneum", eine Hymne aus dem 16. Jahrhundert von Thomas Tallis. Sie handelt davon, dass "die Zeit gekommen ist, in der mit ernsthafter Sorgfalt Verzeihung erlangt werden kann", so die Formulierung im Programmheft.

Leider hielten es am Ende nur die wenigsten Besucher für notwendig, den beiden hervorragenden Interpreten angemessen Beifall zu spenden - warum auch immer. Die ergreifenden 90 Minuten in der Melanchthonkirche hätten eine deutlichere Anerkennung verdient gehabt.

30.08.2005 / WAZ, LOKALAUSGABE / BOCHUM

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