Musikalische Zeitreise

Musikalische Zeitreise von der Gotik bis zur Moderne

Zweites Konzert der 'ZeitenUmBrüche'mit Ludwig Kaiser


HERBORN - Für die Zuhörer, die sich in der Herborner Stadtkirche ... eingefunden hatten, war es, als würden sie in eine andere Welt eintreten. Vor der Tür ein lauer, angenehmer Sommerabend mit Vogelgezwitscher - und drinnen die eher kalte, nüchterne Atmosphäre des Gotteshauses. Doch der Bochumer Konzertorganist und Kantor Ludwig Kaiser ließ durch die Virtuosität seines Spieles das eher unfreundliche Umfeld schnell vergessen und lud die Besucher zur musikalischen Zeitreise von der Gotik bis in die Moderne ein.
Dabei legte er besonderen Wert auf das Gesamtkonzept und betrachtete das Konzert als eine in sich stimmige Komposition, die in Prolog, drei Hauptstücke sowie Epilog gegliedert war. Zur Einstimmung interpretierte Kaiser die Méditation VI von Olivier Messiaen. Sie hat 'das Licht der Erscheinung im Fleisch' zum Thema - besonders charakteristisch ist die Schlußpartie, die in wenigen Takten quasi die gesamte Entwicklung der Harmonik nachvollzieht.
Als nächstes erklang eines der ältesten Stücke, das für Tasteninstrumente 1300 in einer Handschrift überliefert wurde. In den als 'Robertsbridge Codex' bekannten Werken befinden sich zwei vollständige 'Estampien' (Schreit- und Stampftanz aus dem Mittelalter). Virtuos interpretierte Kaiser dieses durch die ausgedehnte Form nicht einfach zu spielende Stück.
Nach dem 'Magnificat quarti toni' von Girolamo Cavazzoni intonierte der Kantor die große Choralbearbeitung 'Vater unser im Himmelreich' (Johann Sebastian Bach). Die einzelnen Zeilen des im Kanon gefaßten Chorals werden durch kolorierte Imitationen vorbereitet und durch chromatische Zwischenspiele unterbrochen. Aufgrund ihrer komplexen Rhythmik nimmt diese eindrucksvolle Choralbearbeitung eine einzigartige Stellung in Bachs Orgelschaffen ein. Aufhorchen ließ das Publikum das von Mozart komponierte 'Andante F-Dur' für Orgelautomaten, die durch das immer wieder ertönende 'Klingeln' ihren besonderen Reiz erhält.
Franz Liszts 'Via crucis' entstand im Herbst 1878 in Rom und bildet die Vertonung der 14 Stationen des Leidensweges Christi. Sensibel spielte Ludwig Kaiser dieses Werk, das die Qualen des Gottessohnes eindrucksvoll widerspiegelt. Nachdem der Kantor 'Le vent de l'esprit' (Sturmwind des Geistes) aus der Pfingstmesse von Olivier Messiaen interpretiert hatte, erklang als Epilog 'Souvenir' von John Cage, das die Zuhörer durch den Wechsel von dröhnendem Donnerhall und leisem Flüstern aufwühlte. Viel Beifall belohnte Ludwig Kaiser am Schluß des Konzerts für die auf- und anregende Reise, die mehr Zuhörer verdient gehabt hätte.

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